Hennric Jokeit

Diagnosing Hope

 

15. Mai bis 27. Juni 2020

 

Vernissage: Donnerstag, 14. Mai 2020, 18.30 bis 21.30 Uhr

Einführung durch Brida von Castelberg (19.30 Uhr)

Künstlergespräch im Anschluss

Diagnosing Hope

Gibt es eine Verwandtschaft zwischen Medizin und Kunst? Beide sind gewillt, die Anomalien der Wirklichkeit mit ihren eigenen Mitteln zu vermessen. Hennric Jokeit ist von Hause aus Neurowissenschaftler, und seine fotografische Kunst speist sich aus beiden Quellen. Er schafft Ansichten urbaner Räume und kulturierter Landschaften, die so präzis wie auch geheimnisvoll wirken. Die das Sehen irritierende Negativform ist für Jokeits Schaffen seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit zentral. Dass diese Bilder Negative sind, erkennt der Zuschauer vielleicht nicht sofort. Dennoch bewirkt die unwillkürliche Aktivierung der Kontrast-Umkehrprozesse im visuellen Hirn einen neuen, intensiveren Zugang zu diesem «radiologischen Atlas unerfüllter Verheissungen», wie ein Kritiker mal sein Werk bezeichnet hat. Jokeits Diagnose der sich selbst überdrüssig gewordenen Welt mag durchaus melancholische Züge tragen, sie ist jedoch nie ohne Hoffnung. Einer Hoffnung, die oft gerade im Spalt zwischen der Wirklichkeit und dem Wunschdenken angesiedelt ist. Die einzigartige Faszination, die von Jokeits Weltansichten ausgeht, hat mit diesem philosophisch vertieften Verständnis der Hoffnung zu tun: Das Negative zu erkennen, ist unsere einzige Chance, den Befund ernst zu nehmen.

Ewa Hess, Zürich / New York, 2020

 

 

Zitate / Quotes

«Hennric Jokeit has produced photographs reflecting a unique vision ... His photographic aesthetic has a transforming effect, creating a situation where the images linger in the mind. The viewpoint straddles numerous dimensions of reality.» Roger Ballen, Photographer, 2018.

 

«Bereits in den Pionierzeiten der Fotografie und durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch waren Fortschritte der medizinischen Forschung eng verbunden mit der Entwicklung fotografischer Techniken. Hennric Jokeit führt diese Tradition energisch weiter, und seine Arbeit zeigt uns, wie ein Auge, das in der wissenschaftlichen Bildproduktion und Bildanalyse geschult ist, seine Erfahrungen und sein Wissen auch im ästhetischen und poetischen Zugriff auf fotografische Techniken auf hoch originelle Weise fruchtbar zu machen weiss.» Tobia Bezzola, Direktor, Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano, 2020.

 

«Hennric Jokeit’s decision to use negative images challenges our way of looking and perceiving. The images he produces cannot be grasped within a split second. They require time for our eyes and brain to adapt to the negative image and to virtually decipher the image, step by step. Confronted with the negative depictions of cityscapes and landscapes, we as viewers are literally invited to concentrate on the specificity and singularity of each image. We are incited to translate dark parts of the image into light ones and vice versa. As if we were reading a text in a foreign language in which we are not fluent, this act of translation also reveals levels which we usually overlook. It allows us to focus more clearly on issues such as composition and formal arrangement within the frame of the image on the material structure of the image. It allows us to reflect on the process of taking the image, of framing a motive and capturing the light.»

Philip Ursprung, Professor of the History of Art and Architecture, ETH Zurich, 2016.

 

«Jokeit muss die Natur eines Spielers haben, denn er provoziert die Kontroverse gezielt. Im Bildraum ist nicht das zu sehen, was gewohnheitsmässig einzuordnen, zu strukturieren und zu lesen ist. Auf seinen Bildern muss das Hirn kontraintuitive und kontrafaktische Sonderarbeit leisten: Jokeits Fotos nämlich sind die Urbilder der analogen Fotografie – Negative. Sie verweisen mit der Adelung des Negativen auf die Frage: Was sehen wir – und warum? Und weshalb erregt Weiss und Schwarz in unserem Hirn Entsprechendes?» Daniele Muscionico, Neue Zürcher Zeitung, 2018.

 

«Ein wenig angezogen ist viel reizvoller als nackt. In dem Sinne könnte man behaupten, diese Bilder tragen Dessous. Ein Schleier des Unnahbaren macht die Aufnahmen interessant und anziehend. Sie lassen sich nicht mit einem schnellen, oberflächlichen Blick konsumieren, um im nächsten Augenblick vergessen zu werden, untergegangen in den wachsenden Fluten der bunten Belanglosigkeit. Durch ihre Andersartigkeit zwingen sie selbst den abgehärteten Smartphone Fotojunkie zum genauen Betrachten. Die profane Welt mit anderen Augen zu sehen, sie neu zu interpretieren, visuelle Visionen zu schaffen, vielleicht sind all das die Gründe für die Faszination dieser Bilder.» Denis Brudna, Photonews, 2017.

 

 

CV

Hennric Jokeit (CH/D, 1963) begann sich intensiv mit fotografischer und medizinischer Bildgebung zu beschäftigen, nachdem bei einer ihm sehr nahestehenden Person aufgrund kernspintomographischer Diagnostik (MRI) eine neurologische Erkrankung diagnostiziert wurde. Erste Ausstellungen und Publikationen folgten ab 2007. Seine Arbeiten wurden in der Schweiz, Südafrika, Deutschland, Frankreich und Litauen ausgestellt. Im Jahr 2016 veröffentlichte er den Band "Negative Vision" mit einem Essay von Philip Ursprung. Sein letztes Buch «Goodhope» erschien 2018 mit einem Text des südafrikanischen Autors Sean O'Toole. Die Bildstrecke «Goodhope» wurde für den Prix Pictet 2019 nominiert.

 

Jokeit hat in Ostberlin an der Humboldt-Universität Psychologie studiert. Ein Jahr nach dem Mauerfall holte ihn der Hirnforscher Ernst Pöppel nach München, um gemeinsam neurobiologische Grundlagen visueller Wahrnehmung zu erforschen. Später arbeitete Jokeit zur bildgebenden Diagnostik von Gedächtnis und Emotionen in Bielefeld (D) und Zürich. Seit 2001 leitet er das Institut für Neuropsychologische Diagnostik und Bildgebung am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum und ist Titularprofessor für Neuropsychologie an der Universität Zürich.

© Hennric Jokeit

© Hennric Jokeit