Adrian Meyer

Myth of Fingerprints

18. Oktober bis 30. November 2019

Vernissage: Donnerstag, 17. Oktober 2019, 18.30 Uhr

Einführung durch Catrina Sonderegger, Kuratorin TART Zürich

Fratres 2018 © Adrian Meyer

Myth of Fingerprints

 

Man mag Farbe als gefangen gehaltenes Sonnenlicht verstehen, als Spektrum des Regenbogens oder ganz einfach als Materie, die man einer Tube entnimmt. Farbe existiert auf jeden Fall in uns selbst, denn irgendwelche Teile des Gehirns signalisieren uns dies, vorallem wenn Farbe als Empfindung definiert wird.

 

Paul Klee, der sein ganzes Leben lang Suchender blieb, stellte bei seinem Aufenthalt in Tunesien auf einmal fest: „Die Farbe hat mich für immer. Das ist der glücklichsten Stunde Sinn – ich bin eins mit der Farbe. Ich bin Maler!“ Das stimmt sicher aus seiner Sicht, aber stimmt es auch in Bezug auf unsere Wahrnehmung seiner Arbeit? War er nicht immer Maler, war er nicht immer Sehender und damit Denkender? Für den Maler ist es die Stille eines leeren Malgrunds, die ihn sehen lässt, genau wie für den Musiker das Notenblatt das Sehen dessen ist, was er hört.

Es ist natürlich so, nicht nur im Bereich der Malerei, dass die empfindungsmässigen Wahrnehmungen nur bis zu einem gewissen Grad ausgetauscht werden können. Was meint etwa ein Zen-Maler anderes, wenn er behauptet, in seiner schwarzen Tusche seien alle trügerischen, geschwätzigen Farben der Welt des Seins enthalten, denn wer die Tusche beherrsche, beherrsche die fünf Farben. Das scheint durchaus auch plausibel, denn gerade Schwarz ist in höchstem Masse licht gesättigt und als einzige Farbe nimmt es alle Wellenlängen auf und hält sie in sich zurück.

Wenn aber das Schwarz dem Weiss und dem Rot gegenübergestellt wird, so zeigt sich die in vielen Menschen schlummernde Furcht vor dem alles beherrschenden Schwarz. Das schwarze Loch, die absolute Abwesenheit von Licht, da nicht mehr für das Leben Stehende. Schwarz, Weiss und Rot aber sind das älteste und machtvollste Dreigestirn von Farbe, weil sie den immerwährenden Kampf von Dunkelheit und Helle mit der

Dimension des Bunten verknüpfen.

 

Schwarz, Weiss und Rot waren schon seit langer Zeit die Grundfarben, die sowohl von vitaler Kraft als auch von Magie zeugen. Schatten sind farbig, sie sind nicht einfach schwarz. Obwohl sie eine eigene Welt reklamieren, sind sie lediglich das Erzeugnis von weniger Licht.

Wenn Schwarz die lichtgesättigste aller Farben ist, so belegt Weiss in einem gewissen Sinne die Abwesenheit und gleichzeitig die Summe aller Farben. Die Impressionisten, die sich als Maler des Lichts verstanden, haben sowohl das Schwarz von der Palette verbannt als auch das Weiss zu einer in der Natur nicht vorkommenden Nichtfarbe erklärt. Allerdings ist Weiss für sie die Vorbedingung für Farbe, leerer Malergrund, der unsichtbar bleibt und der den Farben erst zu ihrer Leuchtkraft verhilft.

Weiss als Phänomen wurde auch anders interpretiert. Zum Beispiel als ineinander verwobener Farbpfad, als Trennung und gleichzeitige Verbindung von Farbe, Nichtfarbe und Licht. Kasimir Malewitsch behauptete 1926 in seinem „Manifest des weissen Suprematismus“ das Weiss als Gipfel einer kosmischen Dynamik. Er malte letztendlich das weisse Quadrat auf weissem Grund.

Newton wollte aus dem scheinbaren Weiss des Sonnenlichts die vermuteten Farben herausfiltern, was ihm in einer Versuchsanordnung mittels Prisma und verdunkeltem Raum auch gelang. Es war über lange Zeit nicht klar und nur in geringem Umfang messbar, aus wie viel Farben das Spektrum des Sonnenlichts zusammengesetzt ist. Bis heute hat man sich auf zirka hundertsechzig gerade noch messbare Nuancen festgelegt.

Farben mischen sich für das Auge des Betrachters beim Übereinanderlegen verschiedener Schichten. Durch das Tages- und das Kunstlicht entstehen Reflektionen und Schatten und erzeugen Körperlichkeit und Farbigkeit unterschiedlichster Prägung. Sie sind weder verstandes- noch gefühlsmässig ganz beherrschbar, aber sie weiten die Grundfragen nach den Farben, im Sinne ihrer etwas engen Definition als „peinture“ auf unsichtbarem Malgrund. Die Farben sind eben nicht mehr und nicht weniger als Farben und sie entstehen erst durch das Zusammenwirken der verwendeten Stoffe und Substanzen, sozusagen alchemistisch. Es ist nicht die Frage der letzten Schicht, deren Oberfläche im Nanobereich, es ist die Sache der Mischung aller Dimensionen. So oder ähnlich verhält es sich bei den polychromen Arbeiten von Adrian Meyer mit ihren ineinander gerollten Farbschichten, deren Spuren etwas Ahnungsvolles offenbaren.

 

Adrian Meyer ist 1942 in Baden geboren, wo er lebt und arbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Architekt und Professor in Zürich und Wien war er stets der Malerei verbunden. Im Anschluss an die Ausstellungen seiner grossformatigen, monochromen Aquarelle in der Architekturgalerie Luzern und dem Trudelhaus in Baden, begann er mit der Acrylmalerei. Er bezog ein Atelier im Schwaderhof in Birrwil und zeigt die in dieser Zeit entstandenen Arbeiten zum ersten Mal ausserhalb der kontemplativen Atmosphäre dieser Arbeitsstätte.