Vernissage:

Donnerstag, 26. August 2021, 18.30 Uhr

Einführung durch Sabine Arlitt, Kunsthistorikerin

 

Artist Talk:

Samstag, 11. September 2021, 15 Uhr

Moderiert durch Sabine Arlitt, Kunsthistorikerin

`Round Midnight

Kaum eine andere Gruppe von wildlebenden Tieren in der Schweiz lebt so eng mit dem Menschen zusammen wie die Fledermäuse. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft – in Dachstöcken und Gebäudefassaden – zieht die Mehrheit der einheimischen Fledermausarten ihre Jungen auf. Während des Fluges schreien sie andauernd und mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets. Trotzdem sind wir uns ihrer Nähe nicht bewusst und das hat gute Gründe. Fledermäuse rufen in für uns Menschen unhörbaren Frequenzen: im Ultraschallbereich. Zudem sind Fledermäuse graubraun bis schwarz gefärbt und nur während der Nacht in absoluter Dunkelheit unterwegs. Momentan sind die Fledermäuse wieder im Gespräch als Träger des als Coronavirus bekannt gewordenen Sars-Cov-2 Virus. Kommt noch dazu, dass einige aussereuropäischen Arten sich von Blut ernähren. Kein Wunder wurden und werden die «Mischwesen aus Vogel und Maus» verfolgt und bekämpft.

 

Die Bilderserie «`Round Midnight» zeigt Sonagramme (Schall-Spektrogramme) von freilebenden Fledermäusen. Als Fotograf benutze ich normalerweise die Kamera als Instrument für die visuelle Kommunikation. Anstelle der Kamera wurde für diese Serie aber ein Ultraschallmikrophon zur Aufzeichnung eingesetzt. Die Schallwellen der Rufe der vorbeifliegenden Fledermäuse werden in Echtzeit gespeichert und mittels geeigneter Software in einem Sonagramm dargestellt. Die Variabilität der Rufe ist immens. Es gibt grosse zwischenartliche aber auch innerartliche Unterschiede sowie Unterschiede je nach Luftraumnutzung aber auch differenzierte Paarungs- und Kontaktrufe. Diese Sozialrufe dienen der Kommunikation zwischen den Tieren, seien es nun Warn-, Abwehr- Balz- oder Bettelrufe.

 

Lange Zeit war es ein Rätsel, wie sich Fledermäuse orientieren. Nach einigen Versuchen mit blinden und tauben Fledermäusen fragte sich der italienische Naturforscher und Philosoph, Lazzaro Spallanzani, kurz vor seinem Tod 1799: «Kann man mit den Ohren sehen?» Fast 150 Jahre später wurde seine kühne These bewiesen: 1944 gelang einem Studenten mit Hilfe eines der ersten Hochfrequenzdetektoren der Beweis der Theorie, dass sich Fledermäuse durch Auswertung emittierter Schallwellen orientieren. Im selben Jahr wurde Thelonius Monk’s Komposition «`Round Midnight», eine lyrische Jazzballade, zum ersten Mal im Studio aufgenommen. Sie leiht dieser Bilderserie ihren Titel.

Diese Ballade wurde ein Synonym für die Atmosphäre des Jazz, ja der Musik im Allgemeinen. Musik von Menschen, die Emotionen in uns Zuhörern weckt. Also quasi ein Pendant zu den Kontakt- Balz- und Paarungsrufen der Fledermäuse. «Bei Sonnenuntergang geht es mir noch ganz gut, zur Abendessenszeit werde ich traurig, aber ganz schlimm wird es dann um Mitternacht ... » So heisst es im Songtext von «`Round Midnight». Fledermäuse hingegen fühlen sich erst um Mitternacht richtig wohl. Die Bilderserie «`Round Midnight» ist der Versuch, einen für das menschliche Ohr nicht hörbaren Ruf eines im Versteckten, in der Dunkelheit lebenden Tieres visuell erlebbar zu machen.

 

Die Stimmen der Fledermäuse verstummen allmählich: seit 50 Millionen Jahren leben sie in Europa, doch die vergangenen 50 Jahre haben ihnen arg zugesetzt. Nur vier der dreissig in der Schweiz vorkommenden Arten werden als nicht gefährdet eingestuft. Die Gründe sind vielfältig und reichen vom Lebensraumverlust, über fehlende oder mit Schadstoffen belastete Insekten bis zum Strassenverkehr. Fledermäuse sind ein guter Indikator für eine intakte Umwelt. Durch vielfältige regionale Massnahmen haben sich einige Arten in den letzten Jahren wieder etwas erholt. Hoffen wir also, dass sie noch lange Zeit lautlos in die Nacht schreien.